Der Mann links unten

Die Zeit

Die Zeit, 30.04.2003 Portrait von Sven Hillenkamp.

Der Mann, den man vielleicht einmal für den Sturz Gerhard Schröders verantwortlich machen wird, putzt sich schnell noch die Schuhe. Er wischt mit einem Taschentuch kurz über das hellbraune Leder, stellt die Füße nacheinander auf einen Blumenkübel, vor der Kirche von Deggendorf. Er weiß, dass es im Leben auf die kleinen Dinge ankommt, und das Große ist ohnehin schon getan, es läuft jetzt von allein. An den kleinen Dingen aber zeigt sich das Prinzip, da macht es nichts, dass niemand auf seine Schuhe sehen wird, wenn er an der Kirche vorbeigeht, zum dritten Mal, für ein Schnittbild des Bayerischen Rundfunks; darüber wird der Redakteur seinen Text sprechen: David gegen Goliath, der bayerische Juso-Vorsitzende und SPD-Bundestagsabgeordnete des Wahlkreises Landau-Dingolfingen-Rottal-Inn, Florian Pronold, 30 Jahre alt, gegen den Kanzler der Bundesrepublik Deutschland und Parteivorsitzenden der SPD, Gerhard Schröder, 59 Jahre. Vor jedem Fernsehinterview schiebt Pronold seine Brille noch einmal sicherheitshalber an die Nasenwurzel, zieht den mitunter von einem Luftzug aufgeflogenen Scheitel nach und knöpft sein Jackett zu. Wenn ein Tisch in der Nähe ist, presst er seine Hände an die Tischkante und macht sich kerzengerade, dann kann es losgehen. Wir wollen den Kanzler nicht stürzen, aber die Agenda 2010 ist sozial unausgewogen. Noch immer wird der Kuchen Jahr für Jahr größer, aber er wird immer ungerechter verteilt. Und wenn ein Mann mit 55 Jahren arbeitslos wird und nach anderthalb Jahren in die Sozialhilfe rutscht, dann sein Erspartes aufbrauchen muss, vielleicht sein Haus verkaufen, nach über 30 Jahren harter Arbeit – ist das gerecht? Mit 55 kann man in Deutschland doch nur noch Minister werden.

PRONOLD. Noch nie gehört. Ebenso wie Skarpelis-Sperk, Sigrid, ebenfalls aus Bayern. Ottmar Schreiner, ja klar, kennt man, was macht der noch mal genau? Rüdiger Veit? Keine Ahnung. Die zwölf Sozialdemokraten, die das Mitgliederbegehren gegen die Reformpläne der Regierung auf den Weg gebracht und als Erste unterzeichnet haben, erscheinen plötzlich, unvermittelt – wie alle in der Geschichte, die für alle sprechen, das Volk, die Sache. „Wir sind die Partei!“, steht über den sieben Thesen, die Pronold, verantwortlich im Sinne des Pressegesetzes, am Samstag vor Ostern an das große Tor des Internet geschlagen hat, www.mitgliederbegehren.de. Es geht den zwölf um die Seele der Partei, gegen die Verweltlichung im Geiste des Neoliberalismus, gegen die Oberen, denen das einzelne Parteimitglied sein Gewissen nicht mehr anvertrauen kann und will. „Wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten sorgen uns um die Zukunft unserer SPD.“ – „Wir stehen für Erhalt und Ausbau des Sozialstaates.“ – „Die Vermögenssteuer muss wieder eingeführt werden.“ Eigentlich hatte man bis Ostern noch mehr Namen sammeln wollen, aber plötzlich galt es, Bild zuvorzukommen, die am Samstag einen Bericht bringen würde, „Aufstand gegen Schröder“, Titelseite. Revolte! Revolution! Da ein Kanzler, der von seiner Partei zu Korrekturen gezwungen wird, offenbar nicht vorstellbar ist, droht nun der Kanzlersturz. „Wir sind die Partei, in der die Mitglieder die Richtung der Politik mitbestimmen“, steht in dem Aufruf. Viereinhalb Jahre haben der Kanzler und die Partei brüderlich alle Misserfolge geteilt, aber die Erfolge Schröders waren oft Niederlagen der SPD; Steuererleichterungen für Unternehmen, Auslandseinsätze der Bundeswehr, Schröder-Blair-Papier, Harn-Kommission. „Jetzt, während des Irak-Kriegs“, sagt Florian Pronold, „war endlich wieder sozialdemokratische Politik erkennbar, mit großer Zustimmung in der Bevölkerung.“ Mit diesem Stolz, sagten viele Mitglieder, würde man gern auch die Innenpolitik verfolgen. Es war ein Moment des Triumphs, in dem der quälende Burgfrieden aufgekündigt wurde.

AM ABEND begleiten die Leute vom Bayerischen Rundfunk Pronold zur SPD-Fraktionssitzung im Rathaus von Deggendorf, vorher haben sie noch einen 0-Ton an die Tagesschau gesendet: „Wir wollen Gerhard Schröder nicht stürzen, sondern stützen.“ Pronold ist seit sieben Jahren Stadtrat in Deggendorf, und obwohl er seit sechs Monaten Bundestagsabgeordneter ist, bleibt er Stadtrat, wegen der kleinen Dinge und vielleicht auch wegen des Vaters. Denn der ist auch Stadtrat der SPD, seit über 20 Jahren, und meistens sieht der Sohn den Vater zu politischen Anlässen, sie grüßen sich kurz, ein Lächeln unter Genossen. Das Fernsehteam möchte Pronolds Anbindung an die Basis zeigen. Vor dem Rathaus trifft er seine frühere Tanzpartnerin. Dann nimmt die Fraktion Aufstellung vor dem Sitzungszimmer. Der Fraktionsvorsitzende war früher Pronolds Mathelehrer. „Er spricht sicher vielen Bürgern und Mitgliedern aus dem Herzen“, sagt er in die Kamera. „Ich werde wahrscheinlich unterschreiben.“ Eine Frau findet den Florian supermutig. Ein Genösse mit einer energischen Stimme sagt, dass zwar „sozialdemokratisches Urgestein angekratzt wurde“, aber es stört ihn sehr, dass die Sache nicht vorher in der Bundestagsfraktion ventiliert worden sei. Der Vater sieht aus wie ein Gottesmann in einem nordischen Märchen, hager, hoch aufgeschossen, gerade, große Nase, hohe Stirn, weißes, zerzaustes Haar, dunkler Anzug und weißer Hemdskragen. „Ich freue mich, dass er das macht“, sagt er bedächtig und stolz, „mir tut’s nur leid, dass das so massiv auf ihn einwirkt. Aber ein bisschen scheint es in der Familie zu liegen, dass wir nicht den bequemen Weg gehen. Man kann nicht alles so hinnehmen.“ Im Sitzungszimmer wartet die Baudirektorin mit einem Diaprojektor, es geht um den Luitpoldplatz und die Tiefgarage. Das Gesicht der Baudirektorin leuchtet ruhig und freundlich. Die wütenden Proteste der Stadträte verschwinden spurlos darin. Ich greife nur mal Punkt drei heraus. Wir sind nicht informiert worden! Die Beliebigkeit der Argumente! Wollt i nur ma sogn! Die Stadträte sinken zurück in ihre Sitze, und ins Schweigen sagt wieder einer den Satz, den einen, der hier jedes Wort umschließt wie ein magischer Kreis: „Die mehrheitsführende Fraktion macht ja eh, was sie will.“ Man kann nicht viel tun, außer sich aufzuregen. Über die mehrheitsführende CSU, die Freundlwirtschaft, die Arroganz der Mächtigen. Pronold schweigt, das erste Mal an diesem Tag, länger als eine Minute. Später wird er noch mit zum Vater nach Hause gehen und mit ihm noch ein bisschen über Kommunalpolitik reden.

ÜBER SEINE KINDHEIT zu reden, sagt Florian Pronold, sei schwierig, weil er sich an kaum etwas erinnere. „Eine normale Jugend, ohne irgendwelche Besonderheiten, ich wüsste nicht, was da auffällig wäre, im Nachhinein betrachtet.“ Privilegiert sei er gewesen. Der Vater Rechtsamtsleiter, die Mutter Religionslehrerin. Gewiss, als Sohn eines Sozialdemokraten und einer Protestantin hat man es in Bayern nicht immer leicht. Der Vater kandidierte 1980 für den Bundestag, und Florian, acht Jahre, kam schimpfend heim, weil man dem plakatierten Bildnis des Vaters einen Schnurrbart gemalt hatte. In der Stadt wurde auch gefragt, ob ein Sozi das Rechtsamt leiten könne. Dem Oberbürgermeister fiel der Vater durch kritische Aktenvermerke auf, und auf dessen Weisung, die Vermerke zu unterlassen, machte der Vater sofort einen Vermerk. Irgendwann wurde die Mutter krank und musste häufiger ins Krankenhaus. „Also, was ich weiß“, sagt Pronold, „ist, dass ich zu spät gemerkt habe, wie krank sie war.“ Er war damals 12 oder 13, genau weiß er das nicht. Er erinnert sich noch, wie der Vater ihm irgendwann sagte, wie schlecht es stand, man werde die Mutter am nächsten Tag im Krankenhaus besuchen. Als der Vater, der Junge und die zwei kleineren Geschwister, der Bruder war elf, die Schwester gerade zweieinhalb, anderntags fahren wollten, rief das Krankenhaus an. Es war zu spät. „Da denkt man schon“, sagt Pronold, „dass man sich noch einiges hätte sagen können.“ Der Vater stellte eine Haushälterin ein und versuchte die Schwester im katholischen Kindergarten unterzubringen, doch dort weigerte man sich, weil das Kind ein halbes Jahr zu jung war. Im selben Jahr wurde Florian Pronold zuckerkrank. Drei, vier Tage fühlte er sich schrecklich, hatte ständig Durst, verlor sechs Kilo. Er saß allein beim Hausarzt, als der ins Wartezimmer kam und ihm sagte, er sei schwer krank, der Krankenwagen unterwegs; nun auch er. „Da war ich erst mal fertig mit der Welt“, sagt Pronold. Im Krankenhaus aber habe er dann gesehen, dass es vielen Leuten noch viel schlechter gehe. „Ich war nur bisschen krank, ich wusste, ich muss das Leben nutzen. Eigentlich war das ein positives Erlebnis.“ Im Nachhinein, jetzt, scheint alles Folgende damit zusammenzuhängen. Von diesem Zeitpunkt an musste sich Florian Pronold mehrmals am Tag eine Spritze geben und, wenn er laufen oder schwimmen wollte, vorher und nachher seine Werte messen, indem er sich in den Finger piekste und das Blut auf Teststreifen auftrug. Er lernte, wie viele Schokoherzen eine Broteinheit ergeben und dass die Zuckerkurve von der Gesamtkonstitution abhängt. Heute hat er einen Katheter im Oberschenkel und eine Insulinpumpe in der Hosentasche, nach dem Essen drückt er auf die Pumpe, für jede Broteinheit einmal, nachts liegt die Pumpe neben dem Bett, an einem 60 Zentimeter langen Schlauch. „Das ist alles völlig unproblematisch“, sagt Pronold.

DER RAUM IST WEIT, zwischen den Städten, Märkten und Dörfern seines Wahlkreises, dem Wünschenswerten und der Wirklichkeit, seiner Schwäche und seiner Unbeugsamkeit; Florian Pronold füllt ihn mit Text. Er fährt in seinem silbernen Opel Astra über Land, zwei Bürgermeister, zwei Betriebe, hat er sich vorgenommen für jeden Aufenthalt zwischen den Sitzungswochen des Bundestages. Auf der Fahrt, vorbei an gelbem Raps und blühenden Obstbäumen, an geputzten Höfen, flach gedrückten Fabriken und Baumärkten, gibt Pronold Interviews über die Freisprechanlage seines Handys, redet mit seinem Büro in Landau und seinem Büro in Berlin, der Kanzler bewegt sich schon, aber die Zinsabgeltungssteuer muss man erst durchrechnen, und die Genossen brauchen Zahlen, „damit die sprachmächtig sind“. Der Bürgermeister von Massing blättert verzweifelt in seinem Etatordner. Bisher ging noch immer alles auf, aber nun fehlen im Haushalt 200 000 Euro, die Zuschüsse für die Vereine sind schon gestrichen, am Abend, im Marktrat, wird man die Abwasser- und die Friedhofsgebühren erhöhen, reichen wird das nicht. „Eine schwierige Phase, sehr schwierige Phase“, sagt der Bürgermeister und verstummt. Florian Pronold, kerzengerade, die Hände an der Tischkante, redet. Über die Konjunktur, die zweite Stufe der Steuerreform, das Flutnotopfer. „Wir als Bund … haben in dritter Lesung … wir arbeiten daran.“ Neulich hat er ja schon einmal helfen können, als eine Firma anbauen wollte, aber keine Genehmigung bekam. Zehn Arbeitsplätze bringt das wenigstens. Aber was ist das schon, wenn BMW hier keine Steuern mehr zahlt und die Zulieferer im Preiskampf niedergedrückt werden. Der Bürgermeister von Massing, ein Freier Wähler, und sein Stellvertreter, SPD, versuchen einen Seitenausfall, zaghaft: die Gastarbeiter, die Sozialschmarotzer, das wird hier heiß diskutiert, man gibt das nur mal wieder. „Das sind ja meist mehr Vorurteile als Realität“, sagt Pronold, „ich könnte Geschichten erzählen von Zahnärzten und Anwälten, wie die Steuern sparen!“ Scho richtig. „Das ist der Kapitalismus“, sagt Pronold. Nach dem Gespräch macht eine Frau von der Passauer Neuen Presse ein Foto, Bürgermeister und Abgeordneter vor dem Rathaus. Pronold trägt eine rote Krawatte der SPD, darauf leuchten in der Sonne die Worte Freiheit und Solidarität.

„DAS, WAS ICH HEUTE BIN als Persönlichkeit, verdanke ich meinen politischen Erfahrungen und denen, die sich um mich politisch gekümmert haben“, sagt Pronold. Es ist spät geworden, Pronold sitzt „beim Otto“ in Deggendorf vor einem Dunklen und erzählt von dem, was er für sein eigentliches Leben hält: seine politische Geschichte. Von Ottmar Kronschnabel, Fernmeldehandwerker und Sozialdemokrat, der sich nach einer Begegnung auf Pronolds erster SPD-Ortsversammlung des 16-Jährigen annahm und ihm die ersten Bücher über die SPD und die Arbeiterbewegung gab. Sonntag Vormittag lasen sie zusammen Das Kapital, abends saßen sie beim Otto. Kronschnabel erklärte, was es bedeutet, Sozialist zu sein, und warum der Mensch für monogame Beziehungen nicht geschaffen sei. Florian Pronold ging ein in den großen Text, die große Geschichte der sozialistischen Bewegung, er sprach wie ein Alter: „Wie Willy Brandt immer sagte …“ Der Einzelgänger, der Gruppen stets als einengend empfunden hatte, gründete eine Gruppe, die Jusos Deggendorf. Der Junge begann, wie der Vater, Ärger zu machen. Die Sparkasse wollte seinen Lehrlingsvertrag kündigen, weil er den Bürgermeister, CSU, öffentlich kritisiert hatte; er drohte mit einer Anzeige und dem Spiegel. Er entdeckte seine Liebe zum geschriebenen Recht, nach der Lehre studierte er Jura. Bei den Jusos kämpfte er gegen die Habituslinken, die die kleinen Dinge nicht interessierten und eine neue Gesellschaft aus dem Nichts zimmern wollten. Das Kruzifix in den Klassenzimmern nannte er Lattengustl, das war der erste große Skandal. Beim traditionellen Frühjahrsauszug zeigten die Leute mit dem Finger auf den neu gewählten Stadtrat. In den Bundestag kam Florian Pronold nur über die Landesliste, in seinem Wahlkreis holte er genau 17,7 Prozent.

SO KAM PRONOLD NACH BERLIN. Ein bayerischer Oppositioneller mit Regierungsbeteiligung. Einer, der die Gerechtigkeit liebt und das Rechnen, der das moralische Pathos eines Karl Liebknecht verbindet mit dem trockenen Sachverstand eines Hans Eichel, in beidem ein Unbedingter. Florian Pronold sitzt im Finanzausschuss. Er arbeitet sich jetzt in alles ein, Steuern, Rente, Gesundheit. Er rechnet. Dass alle Forderungen des Mitgliederbegehrens durchkommen, hält er für unmöglich; dem räumt er, letztlich, eine Chance von null Komma null Prozent ein. Schröder mit seinem Gespür für Stimmungen wird schon wissen, was er auf dem Sonderparteitag am 1. Juni tun muss, um die Gemüter zu besänftigen. Aber es geht ums Prinzip, darum, dass die Partei mitbestimmen darf und dass man nicht alles hinnehmen kann. Um den 55 Jahre alten Arbeitslosen und die 19-Jährige, die nicht studieren kann, weil zu Hause das Geld fehlt; so war es bei Andrea Bruckmeier, die jetzt Florian Pronolds Mitarbeiterin in Landau ist; sie ging mit ihm in eine Klasse, wollte Kunst studieren und sah sich dann gezwungen, eine Ausbildung zur Sekretärin zu machen. Es geht darum, dass man die Kurven des globalen Kapitalismus unter Kontrolle kriegt, wie die Zuckerkurve im Blut. Darum, dass man nicht aufgibt wie Oskar Lafontaine. Auf der Homepage von Florian Pronold steht ein Zitat von August Bebel: „Es ist immer und ewig der alte Kampf, hier links, dort rechts, und dazwischen der Sumpf.“ Vielleicht muss Florian Pronold einfach nur noch ein bisschen rechnen, bis er zu den gleichen Ergebnissen kommt wie Gerhard Schröder in seiner Agenda 2010. Vielleicht aber muss Gerhard Schröder, 2003 im Sumpf der Neuen Mitte, auch ein bisschen mehr an die Gerechtigkeit denken, an die kleinen Dinge und die 140-jährige Geschichte der SPD, die ihm nun gegenübersteht, in Gestalt eines 30-Jährigen mit hellbraunen Schuhen und roter Krawatte.