Generation rastlos

Rheinischer Merkur Ehrgeizige Mittzwanziger bis Enddreißiger sind in allen Parteien auf dem Sprung nach oben. Aber stehen sie eigentlich für irgendetwas? Eine Spurensuche in Bayern und Berlin, Tübingen und Brüssel.

Rheinischer Merkur, 11.09.2008 von Jan Kuhlmann und von Robin Mishra.

David McAllister ist einer, der viel Einfluss hat und noch mehr davon haben wird. Eine Reise zu den Mächtigen von morgen bei ihm zu beginnen, das ist wie eine sichere Wette. Atemlos kommt David McAllister in das griechische Restaurant in der Nähe des Landtags von Hannover. Er hat es schon in jungen Jahren weiter gebracht, als es die meisten Politiker in ihrem ganzen Leben schaffen. 32 Jahre jung war David McAllister, als er den Vorsitz der CDU-Fraktion im niedersächsischen Landtag übernahm. Im Alter von nur 37 Jahren ist er gerade zum neuen Landesvorsitzenden der Partei gewählt worden – mit DDR-artiger Zustimmung von 98,9 Prozent der Stimmen.

Indem er David McAllister den Landesvorsitz übertrug, hat Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff unmissverständlich klargemacht: Das ist mein Kronprinz. Ein Gespräch reihte sich an das andere an diesem Tag. Viele, die sich früher an Wulff gehalten haben, wollen plötzlich etwas von ihm. Ein Viertel mehr Termine bringe der Job des Landesvorsitzenden mit sich, schätzt McAllister, ein Drittel mehr Post. Zwischen den Gesprächen verabschiedete er eine Fraktionssekretärin, er zeigt seine linke Hand, auf die er sich mit Kuli ihre wichtigsten Lebensdaten geschrieben hat.

David McAllister ist ein direkter Typ, der es liebt, mit Menschen zu reden. Erkennt ihn jemand im Restaurant, und das kommt häufiger vor, beginnt er ein kleines Schwätzchen. Im Gespräch mit ihm fällt auf, dass er zwei Gesichter hat. Manches formuliert McAllister für sein junges Alter schon sehr staatstragend, anderes jugendlich frisch und drastisch. Sicher, als Fraktionschef braucht er die Kraft zum Ausgleich, als Parteichef die Gabe der Zuspitzung. Aber noch wirken die beiden Pole in der gleichen Person recht unverbunden.

Dennoch: Sein Name und der ungewöhnliche Lebenslauf verleihen McAllister unter den CDU-Nachwuchshoffnungen das gewisse Etwas. Geboren wurde er 1971 in Westberlin als Sohn einer Deutschen und eines britischen Soldaten, der im Zweiten Weltkrieg aufseiten der Alliierten gekämpft hatte. Er sei der erste CDU-Landesvorsitzende mit doppelter Staatsbürgerschaft, sagt er und lacht. Von seinem Vater hat McAllister die Begeisterung für alles Britische übernommen. So liest er jede Rede des konservativen Oppositionsführers David Cameron und wird in diesem Jahr zum Parteitag der Tories fahren.

Dem pragmatischen Regierungsstil Britanniens fühlt er sich nahe. „Ideologien sind mir wesensfremd“, sagt der CDU-Politiker über sich. Er hält das auch für ein Markenzeichen seiner Politikergeneration insgesamt, der Mittzwanziger bis Enddreißiger, die es in den verschiedenen Parteien schon zu etwas gebracht haben. „Vielleicht eint es unsere Generation, dass wir unterschiedlicher Meinung sind und uns trotzdem gut zum Bier verabreden können“, sagt er.

1982 zog seine Familie ins niedersächsische Bad Bederkesa um, wo David McAllister bis heute lebt. Damit begann der deutsche Teil seiner Sozialisation, die ihn in den Tischtennisverein und die Junge Union führte. Den positiven Blick auf fremde Wurzeln hat er behalten. „Der überwältigende Teil der Zuwanderer ist eine wertvolle Bereicherung für unser Land“, sagt David McAllister. Das bedeutet für ihn mehr, als sie nur zu dulden. „Als Volkspartei Nummer eins hat die CDU die Aufgabe, offensiv um sie als Wähler zu werben und sie zur aktiven Mitarbeit in der Partei zu ermuntern.“ Besonders in den großen Städten werde das zu einer zentralen Herausforderung für die Union. In Hannover habe jedes zweite Kind, das im letzten Jahr geboren wurde, einen Migrationshintergrund.

Neue Generationen, neue Positionen. Das gilt für den Vater zweier Töchter im Alter von zwei und vier auch für das Thema Familie. „Weil viele von uns kleine Kinder haben, wissen wir, dass eine ideologische Familienpolitik nicht weiterhilft“, sieht McAllister eine weitere Gemeinsamkeit seiner Altersklasse. Die Sorge vieler Konservativer, dass der Staat einseitig Lebensmodelle vorgibt, teilt er nicht. Ursula von der Leyen habe doch überhaupt erst für praktische Wahlfreiheit gesorgt. „Meine Frau hätte unsere Kinder gar nicht in Betreuung geben können, weil es so etwas in Bad Bederkesa überhaupt nicht gab.“

Wer diese Sätze hört, versteht besser, warum David McAllister gekniffen hat, als er der konservativen Strömung seiner Partei eingemeindet werden sollte. Vier jüngere Unionspolitiker hatten sich in einem Berliner Café publikumswirksam getroffen, um als „Einstein-Connection“ ihre Partei auf Kurs zu bringen – Kritik an von der Leyens Kurs inklusive. Als die Gruppe um Junge-Union-Chef Philipp Mißfelder und CSU-Europaminister Markus Söder verlauten ließ, auch McAllister sei im Geiste bei ihnen, zog der Niedersachse die Notbremse und distanzierte sich. „Mit Flügelbildung habe ich es nicht so“, sagt er dazu heute diplomatisch. „Ich bin ein Freund innerparteilicher Geschlossenheit.“

Mehr anfangen könnte McAllister mit einem Bündnis nach dem Vorbild des Andenpaktes. Das ist der Zusammenschluss von CDU-Politikern, die sich 1979 bei einem Flug über die Anden ewige Treue schworen und heute im Alter um die 50 Jahre oben angekommen sind. McAllisters Förderer Christian Wulff war im Andenpakt, Roland Koch, Günther Oettinger und viele andere mehr. Da ein solcher flügelübergreifender und eingeschworener Kreis in seiner Politikergeneration nicht existiert, spinnt McAllister eigene Netzwerke. „Ich greife häufiger mal zum Telefonhörer und rufe Leute an, die gleichaltrig sind.“

Ein Mittel gegen die Einsamkeit: Denn McAllister kennt das Gefühl, ohne viel Lebenserfahrung schnelle und weitreichende Entscheidungen treffen zu müssen. Vielleicht versteht sich McAllister deshalb mit dem jungen niedersächsischen FDP-Fraktionschef Philipp Rösler so gut. Beide sind in unterschiedlichen Parteien, kämpfen deshalb nicht um die gleichen Jobs. So entsteht Vertrauen, das man in Parteifreunde nicht haben kann.

Das griechische Restaurant und seine Kellner – für David McAllister sind sie ein zweites Zuhause. Im gleichen Haus hat er ein Zimmer für seine Arbeitstage in der Landeshauptstadt gemietet. Als der Wind zwei Bierdeckel vom Tisch weht, hastet McAllister ihnen nach und hebt sie auf. „Mackie“, ermahnt ihn der Kellner freundlich. Das wäre doch nicht nötig gewesen.

Auch Daniel Bahr ist ein Typ, der Kellnern bestimmt dabei behilflich wäre, heruntergefallene Bierdeckel aufzuheben. Aber im vornehmen Berliner Café Einstein kommt man in diese Verlegenheit eher selten. Die Kellner sind unaufdringlich und aufmerksam, die Prominentendichte hoch. Am Anfang des Gesprächs mit dem FDP-Politiker steht ein Wort, das seiner Politikergeneration anhaftet, an ihr klebt wie Pech und Schwefel. Auch Daniel Bahr lässt dieses kleine Adjektiv nicht mehr los, immer wieder kommt er im Gespräch darauf zurück. Angepasst. Ist auch Daniel Bahr Teil einer „Generation angepasst“? Er widerspricht nicht einmal. „Wir erleben Massenarbeitslosigkeit und Bildungsmisere ganz persönlich. Deshalb ist meine Generation nicht so idealistisch.“

Nach seinem Rückzug aus der Politik hat Joschka Fischer ein Interview gegeben, in dem er mit allen jüngeren Politikern abrechnet. Sich selbst und seine Generation sieht Fischer als „Live-Rock ’n’ Roller“. Jetzt aber komme in allen Parteien die „Playback-Generation“. Ein Schlag, der sitzt. Daniel Bahr sträubt sich dagegen und spielt den Ball an die Fischer-Generation zurück. „Die 68er sind gescheitert, weil sie an sich selbst einen zu hohen Anspruch gestellt haben“, hält er dem Ex-Taxifahrer und Ex-Außenminister entgegen. „Meine Generation geht da realistischer ran. Wir suchen nach Orientierung, akzeptieren aber auch Widersprüche.“ Man mag das beliebig nennen oder als Ausweis geistiger Reife ansehen. Daniel Bahr, 31 Jahre und verheiratet, bringt ein Beispiel: Seine Generation sehne sich nach einer glücklichen Ehe. Aber sie weiß sehr genau um die Statistik, nach der viele dieser Beziehungen trotz bestem Willen beider Partner wieder scheitern.

Der FDP-Politiker hat mit Gleichaltrigen aus anderen Parteien einen Antrag zur Aufnahme des Staatsziels Generationengerechtigkeit zuwege gebracht. Konkretes Ziel: ein Stopp der Schuldenmacherei. Das habe keine Generation vor der seinen geschafft, ist Bahr stolz. Doch der Antrag klemmt im Getriebe des Bundestages fest, weil ihn verschiedene einflussreiche Kräfte blockieren – und die Jungen nicht genug Dampf machen. So ist bei dem FDP-Politiker auch Selbstkritik an der ausbalancierten Existenz seiner Altersgruppe herauszuhören. „Wir sind viel zu zahm“, sagt er, als wolle er Joschka Fischer nachträglich recht geben. „Wir müssten doch täglich aufschreien: Wie kann das denn sein, dass bei einer solchen konjunkturellen Lage immer noch neue Schulden aufgenommen werden?“ Gerade für sein Fachgebiet sieht Bahr regelrecht schwarz. „Pflege, Krankenversicherung – da kommt noch eine Menge an Lasten auf unsere Generation zu.“

Der 1976 geborene FDP-Gesundheitsexperte erinnert sich, wie er selbst zur Politik kam. Sein Vater war Helmut-Kohl-Fan. Nicht so Daniel Bahr und sein Bruder, die sich am Küchentisch die Köpfe heißredeten. Am Gymnasium machte Bahr Politik: Umwelt-AG, Schülervertretung, Artikel für die Schülerzeitung. Darüber näherte er sich den Liberalen an. Schülerzeitungen wurden noch zensiert damals, ihm gefiel, dass die FDP dagegen war. Das Weltgeschehen empfand er als widersprüchlich und kompliziert. „Der Fall der Mauer 1989 hat mich unheimlich begeistert und polarisiert“, erinnert sich Bahr. „Aber 1991 war das übersichtliche Weltbild wieder dahin. Beim ersten Golfkrieg war nicht mehr so leicht zu sagen, wer nun der Gute und wer der Böse ist.“ Dennoch: Im selben Jahr trat Daniel Bahr bei den Jungen Liberalen ein, ein Jahr später bei der FDP.

Ein Gutes hat es für ihn, das differenzierte Weltbild seiner Generation. Die meisten sind keine Träumer, sondern akribische Arbeiter. „Viele von uns gehen in die harten Ausschüsse wie Gesundheit oder Finanzen. Nicht nur Menschenrechte und Entwicklungshilfe.“ Das harte Thema Gesundheit pflastert Daniel Bahrs Weg, der noch nach ganz weit oben führen kann. Das Auge des Vorsitzenden Westerwelle ruht wohlwollend auf ihm. Bahr war Vorsitzender der Jungen Liberalen, sitzt im FDP-Bundesvorstand und gilt als fachlich sattelfest.

Auch wenn er kein Polarisierer ist, kommt er in den Medien gut rüber. Am Nebentisch im Café Einstein sitzt Maybrit Illner, was die Rede auf Talkshows bringt. Viele Reaktionen bekomme er auf seine Auftritte dort, erzählt Bahr. „Aber selbst wenn ich beleidigt werde, versuche ich, ruhig und freundlich zu bleiben.“ Eine weitere Gemeinsamkeit der neuen Politikergeneration? Früher waren die Jungen in den Parteien dafür zuständig, ordentlich auf den Putz zu hauen. Heute träumen sie zwar davon. Aber am Ende halten sie höflich die rechte Wange hin, selbst wenn ihnen gerade einer kräftig auf die linke gehauen hat. Das Wort vom Anfang lässt Daniel Bahr keine Ruhe. „Jetzt können Sie wieder sagen: angepasst.“

Die ausgesuchte Freundlichkeit und Geländegängigkeit ist kein Alleinstellungsmerkmal bürgerlicher Jungpolitiker. Sie findet sich auch auf der linken Seite des Spektrums. Die Haare gekämmt und gescheitelt, die Krawatte ordentlich gebunden, das Lächeln freundlich. So sieht er aus, der junge Mann, der einst fast bei der Sparkasse rausflog und Gerhard Schröder stürzen wollte. Florian Pronold ist erst 35, aber der Sozialdemokrat hat schon eine bewegte Karriere hinter sich.

Auch beim ersten Treffen mit ihm ist das Rebellische – oder was davon geblieben ist – nicht sofort zu erkennen. Im Gegenteil. An diesem Abend sieht er blass und verschwitzt aus, weil er den ganzen Tag auf Wahlkampftour durch Bayern gereist ist. Trotzdem hat er nicht etwa seinen Chauffeur ins Ankunftsterminal des Nürnberger Flughafens geschickt, um seinen Gast abzuholen – Florian Pronold ist selbst gekommen. In einer schwarzen Limousine geht es jetzt nach Kemnath, einem oberpfälzischen Örtchen, das so herausgeputzt aussieht wie die Kulisse in einem Heimatfilm. Im Dunkeln des Wagens leuchtet sein weißes Hemd, den obersten Knopf hat er geöffnet.

Pronold ist einer von denen, die selten Auszeiten einlegen. Während die Limousine durch den Abend rast, erzählt er auf der Rückbank vom Stress im Job und davon, dass ihm der Wahlkampf keine Sommerferien gönnt. Nachdem er 2002 in den Bundestag eingezogen war, machte er drei Jahre gar keinen Urlaub. „Bis ich gemerkt habe, dass ich überdrehe und die Bremse anziehen muss.“ Da packte er seine Koffer und reiste für vier Wochen nach Kuba. Warum dorthin? „Ich weiß, was Sie jetzt denken“, sagt Pronold, er grinst. „Aber der Verdacht ist falsch.“ Er habe einfach die Ruhe genießen wollen: keine Termine, kein Handy, dafür lange Spaziergänge und Mojitos.

Es hätte so gut gepasst: Der linke Sozialdemokrat fährt nach Havanna, um das Land der Revolution und Fidel Castro anzuhimmeln. Pronolds wilde Jahre liegen nicht so lange zurück. Als Atomkraftgegner gegen die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf protestierten, entdeckte er SPD und Jusos. Auf den ersten Blick nichts Besonderes. Nur: Pronold stammt aus Niederbayern, wo die CSU in aller Regel so stark ist wie Fidel Castros Partei auf Kuba. Und als reiche das nicht aus, ist er auch noch ein Protestant, der nicht an Gott glaubt, „weil es dafür zu viel Ungerechtigkeit auf der Welt gibt“.

Was all das bedeutete, ließen ihn die Großkopferten in Deggendorf spüren. Noch ehe er seine Lehre bei der Sparkasse antrat, zitierten ihn die beiden Vorstände in ihr Büro: Er müsse seine politische Arbeit aufgeben oder auf die Lehre verzichten, herrschten sie ihn an. Die Herren waren erbost, weil der Junggenosse etwas Ungeheuerliches gewagt hatte: Er hatte den wichtigsten Mann im Ort kritisiert, den CSU-Bürgermeister und Verwaltungsratsvorsitzenden der Bank. Und er hatte den damaligen Ministerpräsidenten Max Streibl als „Krampfgockl“ tituliert. Pronold pochte auf seine Meinungsfreiheit und durfte bleiben. Als er das Büro verließ, schlotterten ihm die Knie.

In Kemnath, beim Dunkelbier in einer holzvertäfelten Gaststube, lacht er bei dieser Geschichte wie ein Schulbub, der stolz auf einen Streich ist. Sein „R“ rollt er dabei so kräftig, wie man es nur in Bayern hört. Den Kabarettisten Django Asül hat er damals bei der Sparkasse auch kennengelernt, der war ebenfalls Azubi. „Die besten Kabarettisten und Sozialdemokraten kommen aus Niederbayern“, witzelt Pronold. „Beide sind unter den härtesten Bedingungen groß geworden.“ Klar, das soll ein Scherz sein. Aber ein bisschen glaubt er wohl daran.

Pronold hat viele solcher Witzeleien und Lebensweisheiten parat. Des Öfteren zitiert er seine Uroma: „Mir ist es lieber, sie halten mich für böse als für blöd.“ Gerne auch: „Nur wer gegen den Strom schwimmt, kann zur Quelle kommen.“ Man muss es ihm lassen, er hält sich daran. So freundlich und nett er beim Dunkelbier plaudert, so konsequent kann er seine Meinung vertreten.

Das ist der andere Florian Pronold, der mit einem stahlharten Willen. Als Gerhard Schröder die Agenda 2010 verordnete, stand Pronold an der Spitze der Aufständischen, die dem SPD-Chef einen Sonderparteitag aufnötigten. Er, der Anfang Dreißigjährige, der Jungspund, der gerade in den Bundestag gewählt worden war. „Eigentlich bin ich ein harmoniebedürftiger Mensch“, sagt Pronold. „Aber wenn ich merke: Die veräppeln einen, dann lange ich auch mal mit Worten zu.“

In der oberpfälzischen Stadt Weiden besucht er am nächsten Tag die Geschäftsstelle des Sozialverbandes VdK. Er hört die üblichen Klagen: Die Hartz-IV-Sätze sind zu niedrig, die Renten steigen nicht. Pronold könnte jetzt das Lied der sozialen Ungerechtigkeit anstimmen, er könnte schimpfen, wie übel die Agenda ist, und würde sofort punkten. Er tut das Gegenteil: Ja, es sei richtig, den Finger in die Wunde zu legen, sagt er. „Aber ganz ehrlich, ohne relativieren zu wollen: Es wird keine Rentnergeneration mehr geben, der es so gut geht.“ So hätte auch ein ordentlich gescheitelter Kollege von der FDP antworten können.

So viel lässt sich sagen: Pronold inszeniert sich nicht allein, um Aufmerksamkeit zu finden. Seit dem Aufstand gegen Schröder ist es ruhiger um ihn geworden, obwohl er im mächtigen Finanzausschuss sitzt und Chef der bayerischen SPD-Landesgruppe im Bundestag ist. Ja, auch Pronold gehört in dieser Politikergeneration zu den Pragmatikern, die sich mit Kollegen aller Parteien im Bundestag zu Bier und Pizza treffen. In seinen sechs Parlamentsjahren hat die Berliner Politik auch beim ihm den Schleifstein angesetzt und seine Ecken und Kanten gerundet. Pronold, Mitglied der Parlamentarischen Linken, erweist sich geradezu als loyales Mustermitglied der Großen Koalition.

Dieser Wandel ist auch Hans-Jochen Vogel positiv aufgefallen. „Als Junger hat er mit seinen Ansichten gelegentlich über die Stränge geschlagen, inzwischen hat er sich in seinen Ämtern aber gut entwickelt“, sagt der inzwischen 82-Jährige über Pronold, der sein Enkel sein könnte. „Er ist ein Pluspunkt für die bayerische SPD.“ Hans-Jochen Vogel ist prädestiniert dafür, auf die Generation der Mächtigen von morgen insgesamt zu blicken. Schließlich war er einer, der es nach seinem Ausscheiden immer vermieden hat, über alles schlecht zu reden, was nach ihm kommt. Zugleich hat der SPD-Politiker sich zu seiner aktiven Zeit einen Namen gemacht als strenger Zuchtmeister und ist deshalb nicht geneigt, zu viel Altersmilde walten zu lassen.

„Manchmal sind mir die Jungen zu brav, das räume ich ein“, gibt Vogel denn auch offen zu. Zwei Herzen schlagen in seiner Brust. Denn zugleich will er den Nachgeborenen keinen Vorwurf daraus machen, dass sie das „System“ an sich nicht mehr infrage stellen. „Ich finde es nicht tadelnswert, wenn sie unsere gewachsenen demokratischen Strukturen akzeptieren.“ Da ist bei ihm auch Stolz zu spüren, mit an einer Demokratie gebaut zu haben, die von den nachfolgenden Generationen als halbwegs gelungen und völlig selbstverständlich akzeptiert wird.

Ex-Bundespräsident Roman Herzog ging mit den Nachgeborenen in einem Interview weit schonungsloser um. „Wenn ich mir das aktuelle Personal anschaue, weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll“, hat er gesagt. Altkanzler Helmut Schmidt zufolge haben es die Jüngeren viel leichter als die Generationen von Politikern, die nach dem Zweiten Weltkrieg das Land wieder aufgebaut haben. Dabei klingt zumindest durch, dass Schmidt die aktuellen Probleme für Peanuts und die amtierenden Politiker für Leichtgewichte hält. „Da bin ich mir nicht sicher“, meldet Hans-Jochen Vogel Widerspruch an. „Natürlich waren die Kriegszeit und der Wiederaufbau sehr hart. Aber auch die aktuellen Herausforderungen sind schwierig, der Klimawandel zum Beispiel.“

Auch den Vorwurf, es fehlten bei den Jüngeren die großen Persönlichkeiten, lässt Vogel nicht gelten. „Die Kriegsgeneration war geprägt von den Prüfungen, die sie in ihrem Leben bestehen mussten. Man kann den Jüngeren nicht vorwerfen, dass sie diesen Proben nicht ausgesetzt waren.“ Nur an einer Stelle wird der Mann, den sie früher in der SPD „Oberlehrer“ nannten, streng. Er beklagt den Trend unter den Jüngeren, alles auf die Karte Politik zu setzen. Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal – so der typische Lebenslauf fast aller Mächtigen von morgen. „Ich halte es für falsch, wenn jemand, der sich heute für die Politik entscheidet, auf jede Phase einer anderen Berufstätigkeit verzichtet“, so Hans-Jochen Vogel.

Vielleicht ist das leichter gesagt als getan. Meistens dauert es lange, bis Politiker Karriere machen. Wer aussetzt, muss deshalb damit rechnen, ganz schnell vom Karussell herunterzufallen. Planbar sind politische Karrieren auch heute nicht. Aber ganz plötzlich öffnet sich für manche Jüngere die Tür einen Spalt, und es gilt, beherzt den Fuß dazwischenzusetzen. Dann muss der Wunsch zurückstehen, einen anderen Beruf zu lernen oder eine Familie zu gründen – eben das, was normale Altersgenossen in dieser Phase ihres Lebens so tun.

Es gibt noch weitere Tricks, um auf dem Weg nach oben voran zu kommen: Kontrahenten wegmobben zum Beispiel; in Sommerloch-Interviews dem Parteichef widersprechen; oder demselbigen so lange treu zur Seite stehen, bis der Posten des Generalsekretärs frei wird. Die allermeisten Politiker schaffen es dennoch nicht bis ganz oben. Der Bundestag wimmelt von Abgeordneten, deren Namen noch kaum jemand gehört hat. Mit Katja Kipping ist das anders. Bei ihr ging alles ganz schnell. Wo andere mühsam die Stufen der Karriereleiter erklimmen, stieg sie einfach in den Fahrstuhl und fuhr nach oben. Im Blitztempo.

Mit 20 Jahren Eintritt in die PDS, mit 21 Wahl in den Dresdner Stadtrat, dann in den Sächsischen Landtag, mit 25 stellvertretende Bundesvorsitzende, mit 27 ab in den Bundestag. Dort ist sie Sprecherin für Sozialpolitik, also nicht für ein Wald-und-Wiesen-Thema, sondern für die Herzensangelegenheit der Linkspartei schlechthin. Sie saß schon sonntagabends in einer bekannten Talkshow. Wer dort mitdiskutieren darf, der zählt etwas in der Hauptstadt. Katja Kipping ist jetzt 30 Jahre alt und sehr ehrgeizig, was sich schon daran zeigt, dass sie zwischendurch noch ihr Studium abgeschlossen hat.

So, wie sie an diesem Tag dasitzt und in einer Berliner Kneipe in ihrem Caro-Kaffee rührt und in ein Croissant beißt, könnte sie auch noch Studentin sein – das Gesicht am frühen Morgen ungeschminkt und etwas verschlafen, die Haare mit einem breiten Band zurückgebunden. Sie tut das, was sie häufiger tut: Sie lächelt. Um Kippings Sonderstellung zu verstehen, hilft ein Blick auf ihre Partei, die Partei der Herren mit den grauen Haaren. Zwei von drei Mitgliedern der Linken sind älter als 60. Oskar Lafontaine, Lothar Bisky, Klaus Ernst, Ulrich Maurer – überall an der Spitze der Ex-PDS sitzen Männer der Generation 50 plus mit oft miesepetrigen Mienen. Katja Kipping dagegen tritt charmant und jugendlich auf, sie ist freundlich, sie spricht mit ruhiger Stimme. Und ja, sie macht auf Fotos mit ihren rötlichen Haaren und ihren feinen Gesichtszügen etwas her.

In der Politik fand sie schnell Förderer, weil sie sich nicht in Klassenkampfrhetorik versteigt oder den linken Rand austestet, wie ihre Parteikollegin Sahra Wagenknecht, Vorsitzende der „Kommunistischen Plattform“. Sicher, auch Kipping hat mal das „Kommunistische Manifest“ gelesen. Mit 14 sei das gewesen, sagt sie. Damals jobbte sie in einem Getränkemarkt, und weil kaum Kunden vorbeikamen, blieb Zeit für Marx. Aber sie ist keine Kadergeschulte, die von Barrikaden und Revolution träumt. Beim Fall der Mauer war sie erst elf und ist frei von SED-Altlasten. Der Idealfall für eine Partei, die sich ein neues Image zulegen will.

Katja Kipping landete in der Politik, als es in ihrer Heimat Dresden um ganz praktische Dinge ging: den Erhalt von Elbwiesen und Straßenbahnlinien. Am Anfang ging sie zu Demonstrationen, später erkannte sie: „Nur Protest reicht nicht aus, wenn man was erreichen will.“ Sie trat in die PDS ein: „Die waren einfach da und haben sich eingesetzt. Und ich habe festgestellt: Wir streiten für dieselbe Sache.“ Dass die Vorläuferpartei SED einst eine Mauer baute und eine Diktatur errichtete, störte sie nicht. „Man muss Menschen immer die Möglichkeit geben, den Weg der Katharsis zu gehen“, sagt sie.

Hinter dem Aufstieg der Katja Kipping steckt jedoch mehr als Pragmatismus und charmantes Auftreten. Man kann es an ihren Augen erkennen, die etwas von einer sprungbereiten Raubkatze haben. Manche in ihrer Partei finden sie naiv, andere nervig, weil sie sich so oft einmischt, was sie schon als Schülerin nicht lassen konnte. Der Kampf gegen den „Nützlichkeitsrassismus“ der Hartz-IV-Gesetze ist so etwas wie ihr Lebenselixier geworden, bei diesem Thema redet sie sich in Rage.

Immer wieder trifft ihr Zorn die eigenen Genossen. Vor kurzem legte sie ein Rentenkonzept vor, das sich wie ein Angriff auf die Parteispitze liest. Scharfzüngig beklagt sie darin, in den „rentenpolitischen Eckpunkten“ ihrer Fraktion sei „von einer neuen sozialen Idee nicht allzu viel zu spüren“. Ihre Partei wolle „zurück zur Rentenformel von 1997“, was „die Zementierung von Armut und Elend“ bedeute. Ihr Gegenmittel heißt „armutsfeste Grundrente“ in Höhe von mindestens 800 Euro, die jeder bekommen soll, ob er ein Leben lang gearbeitet hat oder nur faul vor dem Fernsehgerät saß. Das entspricht ihrem Ideal: kein Arm, kein Reich, alle gleich. Freunde macht man sich mit solchen Extratouren nicht, aber darum gehe es ihr auch nicht, sagt sie, sondern darum, „für eine andere Welt zu streiten“.

Die neun Jahre in der Politik haben sie verändert. Seitdem sie in die Hauptstadt gekommen ist, sächselt Katja Kipping nicht mehr so stark wie früher. Sie hat gelernt, sich Freiräume zu schaffen, damit die Politik sie nicht auffrisst. Ein Wochenende ohne Nachrichten und Zeitung genießt sie. Normalerweise sprechen Politiker erst mit 50 so. Katja Kipping sagt: „Ein Leben ganz ohne Politik ist für mich unvorstellbar.“ Oder: „90 Prozent meiner Arbeit machen mir Spaß.“ Aber auch an ein Leben außerhalb der Politik hat sie schon gedacht, als Wissenschaftlerin vielleicht oder Publizistin. Seit einiger Zeit ist sie Mitherausgeberin eines „Magazins für Freiheit und Sozialismus“, das sich „Prager Frühling“ nennt. „Ich brauche etwas, um den Horizont zu erweitern.“ Schließlich kann jeder Fahrstuhl einmal steckenbleiben.

Es könnte sein, dass auch Franziska Drohsel den Aufzug nach oben betreten hat, so genau lässt sich das bei ihren 28 Jahren noch nicht sagen. Immerhin, die Ahnengalerie ihrer Vorgänger liest sich wie das Who’s who der deutschen Sozialdemokratie: Hans-Jürgen Wischnewski, Holger Börner und Heidemarie Wieczorek-Zeul waren Vorsitzende der Jusos, Andrea Nahles auch. Und Gerhard Schröder. Nun also: Franziska Drohsel. Der Weg in ein Spitzenamt scheint für sie in Reichweite. Wird sie ihn auch gehen?

An diesem Sommertag muss sie erst einmal rennen, um am Berliner Hauptbahnhof den Regionalzug zu erwischen, der sie zu einer Diskussion nach Potsdam bringen soll. Franziska Drohsel ist spät dran, seitdem sie das Juso-Amt übernommen hat, hetzt sie von Termin zu Termin. Der Haarzopf wippt auf und ab, die runden Ohrringe wackeln hin und her, klack, klack, klack, sie hat elegante Sandaletten mit Absätzen zur Jeans angezogen. Darunter schimmern lackierte Fußnägel hervor. Die Bahnsteige unter dem röhrenartigen Riesenglasgewölbe des Berliner Bahnhofs sind lang, Franziska Drohsel muss bestimmt 200 Meter rennen. Sie japst, als sie in den Zug steigt: „Das war knapp, ey.“

„Ey“ – dieser Ausruf entfährt ihr noch ein paar Mal an diesem Tag. Er ist ein Zeichen dafür, dass die Berliner Politik- und Medienmaschinerie erst angefangen hat, sich die junge Frau vorzunehmen. Viele Politiker, die lange im Geschäft sind, haben sich eine Maske zugelegt, einen Schutz, hinter dem sich der Mensch verbirgt. Franziska Drohsel, hauptberuflich Jura-Doktorandin, tritt noch immer als die „Franzi“ auf, wie Freunde und Genossen sie gerne nennen. Wer sie erlebt, schwärmt, wie „nett“ sie sei, wie „sympathisch“.

Aber mit Franziska Drohsel ist es wie mit Katja Kipping: Wer sie auf ihr Äußeres reduziert, macht einen Fehler. Auf dem Podium in Potsdam darf sie in der Mitte Platz nehmen, neben ihr sitzen Journalisten und Wissenschaftler, vor ihr eine Horde Stipendiaten der Friedrich-Ebert-Stiftung. Ein Schweizer Berlin-Korrespondent ist der Erste, der sie dazu bringt, erst auf der Unter-, dann auf der Oberlippe zu kauen. Das tut sie, wenn sie etwas aufregt. In der Sozialpolitik pflege man hierzulande „apokalyptische Phantasien“, sagt der Mann. Dabei gehe es dem Land doch ausgezeichnet: „Der Sozialstaat funktioniert gut.“ Franziska Drohsel lacht kurz auf und schüttelt den Kopf. Dann setzt sie zum Gegenangriff an.

Ihre Waffe sind Worte, und die fliegen plötzlich wie Wurfmesser durch den Raum. Drohsel redet nicht einfach, sie überfährt ihre Kontrahenten mit der Wucht eines Hochgeschwindigkeitszugs. Es gibt keine Punkte, keine Kommas, Satz folgt auf Satz, nicht einmal zum Atemholen lässt sie sich Zeit. Sie wettert über die Agenda 2010, die zu geringen Hartz-IV-Sätze und über den Kapitalismus, der soziale Ungerechtigkeit schaffe, weil er immer Verlierer produziere. Deswegen müsse man „grundsätzlich infrage stellen, ob alles so laufen muss, wie es läuft“. Sie ruft in den Raum, sie ballt die Faust, ihre Handkante schießt nach unten, als wolle sie den Tisch zertrümmern, stoppt aber rechtzeitig. „Wir Jusos denken systemkritisch, das tut der Sozialdemokratie gut.“ Und: „Es ist naiv zu glauben, dass man in diesem System jemals Chancengerechtigkeit herstellen wird.“ Endlich ein Punkt. Applaus. Drohsel atmet durch.

Kaum zu glauben, dass diese junge Frau früher Furcht hatte, vor Menschen zu reden. Noch immer sei sie diese Angst nicht ganz los, sagt sie. Freundlich und nett ist sie, ja. Aber angepasst nicht. Oder besser: noch nicht. „Ich mages, Sachen infrage zu stellen, darüber zu diskutieren und zu einem Ergebnis zu kommen“, sagt sie später, als die Diskussion vorbei ist und sie wieder freundlich lächelt. „Manchmal ist es wichtig, gegen den Mainstream zu schwimmen. Man muss das machen, wovon man überzeugt ist.“

Von dem bundesdeutschen System war Drohsel nie gänzlich überzeugt. Einst trieb ein älterer Herr aus Frankreich sie zu ihrer ersten Demo auf die Straße. Jacques Chirac. Er ließ damals Atomwaffen in der Südsee testen, und Drohsel protestierte mit Linken gegen den französischen Präsidenten. Man könnte sagen, dass Franziska Drohsel zur Generation Mururoa-Atoll gehört. Mit 17, als andere Mädchen in ihrem Alter von Boygroups schwärmten, stapfte sie an jedem zweiten Sonntag in das Büro der SPD Berlin-Steglitz, um mit Junggenossen Marx, Engels, Feuerbach und Rosa Luxemburg zu lesen. „Schön“ sei diese Zeit gewesen, sagt sie. Und lehrreich.

Von Chirac führte ihr Weg zu Gerhard Schröder, den sie auch nicht viel lieber mag. Bei einer Regionalkonferenz verteidigte der Kanzler vor ein paar Jahren seine Agenda-Politik. Weil Drohsel selbst nicht auf die Rednerliste kam, stieg sie auf einen Stuhl, hielt ein Protestschild in die Höhe und blies in eine Trillerpfeife. „Wer pfeift, hat dicke Backen, aber nicht viel im Kopf“, blaffte Schröder sie an. Dann kamen die Saalordner.

Drohsel ist links und manchmal wild. Wohl deswegen versteht sie sich mit Katja Kipping gut, die beiden haben sich schon in einer Berliner Kneipe namens „Aufsturz“ getroffen. Aber Drohsel fehlt auch etwas: die große Vision, wie sie frühere Jugendgenerationen hatten. An deren Stelle tritt eine Leere, die sie nicht füllen kann. Ja, sie kritisiert das kapitalistische System. Aber was soll an dessen Stelle treten? Sie denkt einen Moment nach, bevor sie sagt: „Ich kann nicht ein neues System malen. Aber über die Kritik kann man versuchen, etwas Neues zu denken.“

Auch gegenüber der neuen SPD-Führung beharrt sie jetzt darauf, dass nicht einfach das Alte restauriert wird. „Eine Politik, die von oben nach unten durchgesetzt wird, wünsche ich mir nicht zurück“, schreibt sie Franz Müntefering und Frank-Walter Steinmeier ins Stammbuch. Nur Rebellin allerdings will Drohsel nicht sein. Weil sie Mitglied der linksextremen „Roten Hilfe“ war, musste sie den Juso-Vorsitz beinahe wieder aufgeben. Gerade noch rechtzeitig trat sie aus der Organisation aus. Ein erster Kompromiss an die Erfordernisse der Realpolitik.

Es erstaunt, gerade Bernhard Vogel vom Talent der jungen Frauen schwärmen zu hören. Denn noch sind in seiner CDU wie in anderen Parteien Frauen wie Katja Kipping und Franziska Drohsel in der Minderheit. Vogel glaubt, dass sich das ändern wird, schon heute findet er beim Kontakt mit Schulklassen die Mädchen aktiver und politisch interessierter als die Jungen. Überhaupt spricht Vogel, der als Chef der Konrad-Adenauer-Stiftung viele der jüngeren CDU-Politiker und -Politikerinnen persönlich kennt, positiv über den Nachwuchs. „Ich habe keinen Grund, über die junge Generation zu weinen“, sagt er. „Es engagieren sich zwar weniger als früher in Parteien, die, die es tun, sind aber aktiver.“

Manches, was Bernhard Vogel über die Jüngeren denkt, ähnelt den Einschätzungen seines Bruders Hans-Jochen. „Sie sind zurückhaltender, ernster, stärker auf sich und ihren Berufsweg bedacht“, sagt der 75-Jährige und nimmt die Generation gegen den Vorwurf in Schutz, sie brächte keine echten Typen mehr hervor. „Das höre ich jetzt seit 50 Jahren, vor allem auf runden Geburtstagen und Beerdigungen. Ein Mittdreißiger kann doch noch gar nicht genug Lebenserfahrung haben, um schon eine allseits anerkannte Persönlichkeit zu sein.“ Wo Hans-Jochen Vogel die fehlende Berufserfahrung bemängelt, stört Bernhard Vogel der Karrierismus der Jüngeren, das vordergründige Interesse am eigenen Fortkommen. „Die Leute überlegen sich schon, wenn sie in eine Partei eintreten, was aus ihnen in der Partei einmal werden könnte. Das gefällt mir nicht besonders. Es muss mehr um die Idee als um die Person gehen.“

Boris Palmer hat in Sachen Karriereplanung eine gewagte Entscheidung getroffen. Er macht Kommunalpolitik. Im Oktober 2006 wurde er im ersten Wahlgang mit 50,4 Prozent der Stimmen zum Oberbürgermeister von Tübingen gewählt. Für eine Amtsperiode von acht Jahren. Ein großer Schritt für die Grünen in Tübingen, ein kleiner für die Bundespartei, die einen ihrer Besten für lange Zeit in den Niederungen der Provinz versinken sah. Und bestätigt zu werden schien, als die Grünen kürzlich einen neuen Parteichef aus der jüngeren Generation suchten und der 36-jährige Palmer wegen seines Amtes abwinkte. „Man kann nicht nach anderthalb Jahren den Menschen, die einen gewählt haben, sagen: April, April“, sagt er bei einem Gespräch zu Füßen des schmucken Tübinger Rathauses.

Da auch andere Kandidaten unabkömmlich waren, hat das ein ziemlich schlechtes Bild auf die junge Garde der Grünen geworfen. Jahrelang waren sie der Gründergeneration auf die Nerven gegangen, weil sie mehr Mitsprache forderten, nun zauderten und zögerten sie. Zwei ihrer Hoffnungsträger hatten die Politik zu diesem Zeitpunkt bereits verlassen. Matthias Berninger ging zum Süßwarenhersteller Mars, der ehemalige schleswig-holsteinische Umweltminister Claus Müller zur Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Fehlt den Jungpolitikern das Stehvermögen? Palmer sieht lieber das Positive. „Man hat unserer Generation ja immer eingebläut, dass es keine lebenslange Berufsperspektive am selben Arbeitsplatz mehr gibt“, glaubt er. „Deshalb finde ich gut, wenn jemand zeigen kann: Ich bin nicht auf Gedeih und Verderb von der Politik abhängig.“

Auf dem romantischen Tübinger Marktplatz weist er auf die Stelle, wo er als Kind mit seinem Vater Äpfel und Zwetschgen verkauft hat. Politik ist wie Äpfel und Zwetschgen verkaufen, das hat er früh gelernt. Er mag es gerne plakativ. Als eine seiner ersten Amtshandlungen hat Boris Palmer den Dienst-Daimler gegen einen energiesparenden Toyota Prius, später gegen einen Smart eingetauscht.

Nicht nur die Gabe der Selbstdarstellung hat er von seinem Vater gelernt. Helmut Palmer, ein von den Nazis verfolgter Jude, war der berühmte „Remstalrebell“. Der erste Ökobauer der Region, als darüber noch alle lachten. Ein politischer Aktivist. Wegen Beleidigung und Körperverletzung verbüßte er mehrere Gefängnisstrafen. Sein Sohn Boris erinnert sich an ihn als starke Persönlichkeit, der man nur unbedingt folgen oder andauernd widersprechen konnte. Auch zwischen Helmut und Sohn Boris hat es manches Mal gekracht – zwischendurch herrschte komplette Funkstille.

„Ich habe viel von ihm gelernt. Er war sehr naturverbunden und hat die Ökologie großgeschrieben“, sagt Boris Palmer, spricht aber sehr offen über das, was ihn von seinem Vater unterscheidet. „Ich habe aber auch gesehen, dass er letztlich gescheitert ist. Er hat die Familie überstrapaziert, er saß im Gefängnis, er hat mehr als 200-mal für politische Ämter kandidiert, ohne auch nur einmal zu gewinnen. Er war zu keinem Kompromiss bereit.“

Kompromissbereit sein. Diese Eigenschaft vermisst Palmer auch bei den älteren Aktivisten seiner Partei. „Die Generation um die 50 eint eine große biografische Gemeinsamkeit. Sie hatten lange Haare, haben WGs gegründet, wollten das rot-grüne Projekt. Als ich angefangen habe, waren lange Haare aus der Mode.“ Als Palmer bei der Stuttgarter Oberbürgermeisterwahl den CDU-Kandidaten unterstützte, weil er ihn für fähiger hielt als die Bewerberin der SPD, jaulte das Grünen-Establishment auf. Palmer lässt sich davon nicht beirren. „Wenn Frau Merkel uns beim Klimaschutz etwas Vernünftiges anbietet, hätte ich mit Schwarz-Grün 2009 kein Problem.“

Vergleichsweise halbherzig klingt bei Palmer das Nein zur Atomenergie. „Ich bin nicht allein wegen der Kernkraftwerke zu den Grünen gegangen“, sagt er. „Ich halte sie für falsch, aber so, wie ich andere Dinge auch für falsch halte.“ Kein Wunder, dass einer wie er häufig Ärger mit der eigenen Partei hat. Die Stadtwerke, deren Aufsichtsratsvorsitzender er ist, haben sich gerade am Bau eines neuen Kohlekraftwerks beteiligt. Damit steht er quer zum Kurs der Grünen, die der Kohle wegen ihres hohen CO2-Ausstoßes den Kampf angesagt haben. Nun begleichen manche in der Partei eine Rechnung mit einem, den sie für einen intriganten Schattenmann hinter den Kulissen halten.

Aber Palmer, eines der größten Talente der Grünen, lässt sich nicht so leicht beeindrucken. Die jüngere Generation bei den Grünen hat mit Cem Özdemir doch noch einen Kandidaten aufgeboten – auch auf Betreiben von Boris Palmer. Und er gibt offen zu, dass er viel mit seinen Verbündeten, den Realos in der Partei, telefoniert. „Meine Handyrechnung ist schon stark gestiegen.“

Hauptamtlich wird er damit weitermachen, die große Politik auf die kleine Kommune herunterzubrechen. Mit seiner Kampagne „Tübingen macht blau“ will er von seiner 87 000-Einwohner-Stadt aus das Weltklima retten. „Der Reiz meines Jobs liegt darin, dass ich Menschen persönlich vom Klimaschutz überzeugen kann“, glaubt Palmer. „Man kann den CO2-Ausstoß in so einer Stadt locker halbieren, wenn alle mitmachen.“

Wäre heute Oberbürgermeisterwahl, schätzt Palmer sein Potenzial auf 70 Prozent plus x. Als über ihn wieder einmal ein lobender Artikel in einer großen Zeitung stand, schickte Reinhard Bütikofer eine SMS, die Palmer bis heute nicht gelöscht hat. Nach längerem Nachdenken müsse er, Bütikofer, zugeben: „Die Kandidatur war wohl nicht falsch. Schönen Sonntag, Reinhard.“

Brüssel. Im Saal ASP 3 E 2 des Europäischen Parlaments ruft der französische Ausschussvorsitzende im Zehnsekundentakt Gesetzgebungsvorhaben auf. Ein größerer Kontrast zum beschaulichen Tübinger Marktplatz ist kaum denkbar. Manfred Weber vergleicht die angekündigte Nummer mit der auf seiner Liste. Stimmt er „pour“ (dafür), streckt er den Arm nach vorne und hebt den Daumen nach oben, wie ein Fußballer, der sich für einen guten Pass seines Mitspielers bedankt. Doch bald darauf heißt es wieder „contre“ (dagegen): Manfred Weber senkt seinen Daumen. Der 36-jährige CSU-Politiker ist Koordinator der EVP/ED-Fraktion im Ausschuss für bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres. Dazu ist er innenpolitischer Sprecher dieser Fraktion, die aus konservativen Parteien vieler Mitgliedsstaaten zusammengewürfelt ist. Zielstrebig hat Weber auch an seinem innerparteilichen Aufstieg gebastelt. Gerade hat er als Nachfolger von Erwin Huber den Vorsitz des CSU-Bezirks Niederbayern übernommen – ein einflussreicher Posten.

Was will ein junger Politiker, der Karriere machen möchte, im EU-Parlament? Hast du einen Opa, schick ihn nach Europa – dieses Bild herrscht in Deutschland immer noch vor, in Bayern zumal. „Hier in Brüssel kann man enorm viel gestalten, Europa legt in vielen politischen Themenfeldern die Grundlinien“, ist Weber überzeugt, dass viele seiner Brüsseler Entscheidungen von gewaltiger Tragweite sind. „Aber ich weiß auch, dass jeder Staatssekretär in Bayern mehr Ansehen hat als ein Europaabgeordneter. Da schlagen bei mir verschiedene Herzen in der Brust.“

Manfred Weber leidet darunter, dass der Brüsseler Prophet im eigenen Land so wenig gilt, vielleicht sogar seiner Karriere schadet. Gerade seine CSU sieht er häufig mit dabei, wenn es mal wieder gegen die Europäische Union geht. „Mich ärgert es, dass aus den eigenen Reihen immer wieder Europa zum Sündenbock gemacht wird“, kritisiert er freimütig. Gerade für eine Quasi-Staatspartei wie die CSU sei diese Antihaltung gefährlich. „Das glauben uns die Leute nicht mehr. Wenn die CSU immer nur meckert, fragen die Leute: Wofür wählen wir euch eigentlich?“

Für Manfred Weber ist das auch eine Generationenfrage. Die Riege der herrschenden 60-Jährigen in der CSU hält Brüssel für jenen finsteren Ort, an dem selbst noch die Krümmung der Banane zentral geregelt wird. „Politiker in meinem Alter sind vielleicht nicht europafreundlicher, aber pragmatischer“, glaubt Weber. „Uns sind die Abläufe in Brüssel vertraut. Wir kämpfen für das, was unserem Land nutzt, und gegen das, was ihm schadet.“

Pragmatisch also, so bezeichnet sich auch Weber. Obwohl die CSU zum Personenkult ein ungebrocheneres Verhältnis hat als andere Parteien, verneint er die Frage nach politischen Idolen. „Ich habe bei allen Spitzenpolitikern Licht und Schatten kennengelernt. Aber ich bewundere Lebensleistungen – wie die von Franz-Josef Strauß oder Edmund Stoiber.“ Das klingt ziemlich abgeklärt.

Man muss kaum betonen, dass auch Manfred Weber ein ausgesprochen umgänglicher Zeitgenosse mit guten Manieren und einer angenehm leisen Stimme ist. Ist die neue Politikergeneration zu brav? „Mir fällt schon auf: Die Jüngeren in der Politik denken zu wenig quer oder stellen das System nicht mehr infrage“, so Weber. „Aber das hängt auch mit den Parteien zusammen. Profil wird nicht belohnt, Stromlinienförmigkeit zahlt sich leider eher aus.“

Der Typ Revolutionär ist der freundliche Herr Weber nicht. Den kalkulierten Aufstand probt er sehr wohl. So hat er kürzlich in einem Interview Innenminister Schäuble einen zu laxen Umgang mit dem Datenschutz vorgeworfen. Zudem will er den Paragraf 218 Strafgesetzbuch verschärfen. Das fordern selbst in den C-Parteien nur ganz, ganz wenige.

Manfred Weber ist Akademiker, wie fast alle seine Altersgenossen, die es in den Parteien zu etwas bringen. Auch diese zunehmende Verschulung von Politik ist ein Markenzeichen der jungen Generation. Weber unterscheidet sich insofern, als er einen Umweg gegangen ist. Realschule, Wechsel zur Fachoberschule, dann Fachhochschulstudium als Umwelttechniker. Vielleicht erklärt dieser persönlich erlebte Aufstieg den Elan, den er bei seinem nächsten Brüsseler Termin an den Tag legt. Auf ihn wartet eine ziemlich müde Realschulklasse aus dem niederbayerischen Ergolding.

Packen will er die 15- und 16-Jährigen mit den EU-Maßnahmen gegen überhöhte Handygebühren. Technisch gebe es keinen Grund mehr, dass Auslandstelefonate teurer sind. Nur Europa sei den grenzüberschreitenden Konzernen noch gewachsen. „Wir lassen nicht mehr zu, dass Menschen abgezockt werden.“ 60 Jahre lebe Deutschland nun in Frieden, sagt er in tiefem Niederbayerisch und mit ernstem Gesicht. Früher habe auch Bayern ständig gegen irgendjemanden Krieg geführt. Direkt spricht er die jungen Männer im Publikum an und erinnert an die vielen Soldaten, die dafür sterben mussten: „Jeder Zweite ist damals auf dem Schlachtfeld liegen geblieben.“

Weber kommt zum Schluss. „Jetzt san’s aber sicher erschlagen“, sagt er. Ob seine Botschaft bei den Schülern ankommt, ist schwer zu sagen. Lange Gedanken machen kann er sich darüber ohnehin nicht. Generation rastlos. Der nächste Termin wartet. Es muss weiter gehen. Immer weiter.