Der Zorn der Architekten - Über die umstrittene Ernennung von Florian Pronold zum Direktor der Bauakademie

06. Januar 2020

Von Markus Lohmüller, Straubinger Tagblatt vom 06.01.2020 - idowa.de

Das Jahr 2020 ist für Florian Pronold ein Jahr des Neuanfangs. Der SPD-Politiker aus Deggendorf steht kurz davor, eine neue Aufgabe jenseits von Bundestag und Ministerien zu übernehmen. Er soll Gründungsdirektor der Berliner Bauakademie werden, ein neues Forum für Bauwesen, Architektur und Stadtentwicklung formen. Sein Amt als Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesumweltministerium und sein Mandat als Bundestagsabgeordneter will der 47-Jährige dafür aufgeben.

Als Mitte November die Nachricht von der Ernennung Pronolds zum Akademiedirektor kam, schien zunächst alles klar zu sein. Eine Findungskommission hatte mehrere Bewerber in Augenschein genommen und dann einstimmig den Bundestagsabgeordneten von der SPD empfohlen. Der Stiftungsrat der Bauakademie folgte diesem Vorschlag. Aus seiner früheren Tätigkeit als für Bau zuständiger Staatssekretär bringe Pronold große politische und fachliche Erfahrung mit, hieß es damals aus dem Innenministerium. Auch sei er bereits eng in den bisherigen Entstehungsprozess der Bundesstiftung Bauakademie eingebunden gewesen.

Deren Ziel ist es, eine Institution wiederzubeleben, die einst vom preußischen Baumeister und Architekten Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) gegründet worden war. (…)

Doch wenige Tage später brach sich großer Unmut über die Personalie Pronold Bahn. In einem offenen Brief an den zuständigen Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und den Stiftungsrat sprachen Architekten, Kuratoren und Museumsdirektoren dem Niederbayern jegliche Qualifikation für das Amt ab. Mittlerweile gibt es mehr als 500 Unterzeichner, viele prominente Namen aus der deutschen Architekturszene sind darunter zu finden. „Herr Pronold kann keine einzige der geforderten fachlichen Kompetenzen aufweisen“, heißt es in dem Brief mit Bezug auf die Stellenausschreibung.

„In der Welt des Bauens ist er nahezu unbekannt.“ Er könne keine Fachpublikationen aufweisen, habe keine Ausstellungen kuratiert, kein Museum geleitet, sein Netzwerk in der Architektur- und Kuratorenszene sei relativ neu. Mit der Ernennung Pronolds werde die Chance vergeben, die Bauakademie als Architekturzentrum mit internationaler Ausstrahlung zu etablieren.

Feuilletons über „Kungelei“ und „Hybris“ empört

Auf den Protest der Architekten folgte die Entrüstung der Feuilletons. Für die Frankfurter Allgemeine Zeitung ist die Bauakademie bereits jetzt „ein Monument für die Hinterzimmerkungelei der Berliner Republik und die rücksichtslose Übergriffigkeit von Politikern“. In der Welt beklagt eine Kommentatorin „die Vorteilsnahme-Hybris der entscheidenden Kreise“, die Berliner Zeitung nimmt „ein Geschmäckle“ wahr. (…)

Vieles, was vielleicht doch für Pronold spricht

In der Empörungswelle jedoch geht vieles unter, was vielleicht doch für Florian Pronold als Gründungsdirektor spricht. Die Neugründung der Schinkel’schen Akademie war nie als reines Architekturzentrum gedacht – darauf weist etwa Barbara Ettinger-Brinckmann hin, Präsidentin der Bundesarchitektenkammer und Mitglied der jetzt so gescholtenen Findungskommission. Es gehe „nicht nur um Architektur, Städtebau, sondern auch um Ingenieurskunst, Handwerk. Dies gilt es zu koordinieren“, sagt sie in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Ähnlich äußert sich Michael Groschek, Präsident des Deutschen Verbandes für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung (DV), im Gespräch mit unserer Zeitung: „Die Zusammenführung der einzelnen Gewerke des Baus darf nach meiner Überzeugung keine reine Architektureinrichtung werden.“

Die Themenvielfalt, die der künftige Akademiedirektor zu bewältigen hat, findet sich auch in der Stellenausschreibung wieder: „Die Bauakademie wird in allen Bereichen des Bauwesens von der Architektur und Ingenieurbaukunst über die Urbanistik bis hin zur Bauwirtschaft, in Handwerk und Industrie Raum und Anlässe bieten zum Dialog mit der Öffentlichkeit“, heißt es darin etwa. Wenn dann im weiteren Text „eine in der Welt des Bauens angesehene und themenübergreifend tätige Führungspersönlichkeit“ gesucht wird, stellt sich schon die Frage, warum neben Architekten nicht auch ein ehemaliger Baustaatssekretär und politischer Netzwerker infrage kommen soll.

Auch andere Ausschreibungskriterien sprechen nicht per se gegen Pronold. Ein für die Themen der Bauakademie relevantes universitäres Hochschulstudium? Der SPD-Politiker ist Jurist, was zumindest bei Fragen des Bau- und Mietrechts nicht verkehrt sein kann. Mitgestaltung der nationalen wie internationalen Entwicklungen und Debatten im Bauwesen? Auf einen Ex-Baustaatssekretär trifft das wohl zu. Erfahrung in der Arbeit mit politischen Gremien und Interessengruppen? Die hat der Bundestagsabgeordnete auf jeden Fall. Die als wünschenswert aufgeführte Promotion oder gar Habilitation freilich fehlen ihm. Auch bei der verlangten Erfahrung mit Museen, Ausstellungen, Messen, Festivals und Konferenzen kann Pronold nur bei Letzterem einen Haken dahinter setzen.

„Er ist einer, der gut vermitteln kann“

Ein renommierter Architekt oder auch ein Ingenieur als Direktor der Bauakademie besäßen zweifelsfrei ein anderes Rüstzeug als der Berufspolitiker. Für Architektin Ettinger-Brinckmann war es aber wichtig, einen guten Netzwerker auf den Posten zu berufen. „Ich denke, dass er das richtige Fingerspitzengefühl mitbringt für diesen nicht ganz einfachen Prozess der Wiedergründung“, sagt sie über Pronold. „Es gibt da sehr widerstreitende Positionen, und er ist einer, der gut vermitteln kann.“ DV-Präsident Groschek erklärt: „Für mich ist Herr Pronold ein Garant dafür, dass wir nicht Gefahr laufen, einen neuen Elfenbeinturm zu errichten.“

Wie Pronold kommt Groschek aus der Politik, war für die SPD einst Bauminister in Nordrhein-Westfalen. Ihn ärgert die im offenen Brief der Architekten vorgebrachte Unterstellung, das Auswahlverfahren stehe „im Geruch von Kungelei und Selbstbedienung“. „Ich glaube, dass eine Reihe der Kritiker eher einem Klischee und einem Vorurteil folgen als einem Urteil“, sagt Groschek und verweist darauf, dass Pronold an der Bauakademie weit weniger verdienen würde, als er das zurzeit noch als Staatssekretär und Abgeordneter tut. Ettinger-Brinckmann betont, dass die Stelle auf fünf Jahre befristet ist und einen Prozess einleiten soll. Mit anderen Worten: Es geht hier nicht darum, einen Versorgungsposten für einen ausgedienten Politiker zu schaffen.

Noch bis zum Wochenende wollte sich Pronold selbst nicht zum „laufenden Verfahren“ äußern. Als ihm dann aber auch der Spiegel vorhielt, dass er wohl kein Kriterium der Stellenausschreibung erfülle, ging er dann doch in die Offensive. „Was der Spiegel behauptet, ist falsch!“, heißt es in einer online verbreiteten Stellungnahme des Politikers vom Sonntag. Das Anforderungsprofil der Ausschreibung sowie das Themenspektrum der Bauakademie seien wesentlich breiter, als in dem Bericht dargestellt. „Ein Jura-Studium erfüllt die Kriterien.“

Ein Fall fürs Berliner Landesarbeitsgericht

Auch den Vorwurf eines lukrativen Seitenwechsels wollte Pronold nicht mehr auf sich sitzen lassen: „Mich reizt die neue Aufgabe inhaltlich. Finanziell ist es eine Verschlechterung.“ Mit der Übernahme des neuen Postens und der Aufgabe seiner beiden politischen Ämter würde sich sein derzeitiges Einkommen halbieren.

Doch bevor es so weit kommt, hat mittlerweile auch das Berliner Landesarbeitsgericht ein Wörtchen mitzureden. Zwei unterlegene Mitbewerber für den Posten des Akademiedirektors haben rechtliche Mittel gegen das umstrittene Auswahlverfahren eingelegt. (…)

Die ungekürzte Fassung des Artikels findet sich auf idowa.de. Danke für die Abdruckgenehmigung.

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