„Sie kenn‘ ich doch aus der Zeitung“ - eine Reportage über den Wahlkampf

13. September 2013

Im Rahmen ihres Studiums hat Carina Stöttner ein ganz interessantes Portrait über den Bezirkstagskandidaten Valentin Kuby und unseren gemeinsamen Wahlkampf gemacht, das lesenswert ist. Hier finden Sie den Text:

„Sie kenn‘ ich doch aus der Zeitung“ Politikeralltag zwischen Schmuckständen und Bundestag von Carina Stöttner

Es ist kurz nach halb sechs an einem verregneten Sonntagmorgen. Der perfekte Zeitpunkt, um sich noch einmal umzudrehen und die nächsten drei bis fünf Stunden im Bett zu verbringen. Nicht aber für Valentin M. Kuby. Nach einem Blick aus dem Fenster holt er aus dem Keller noch seinen Wintermantel hervor. Der Augusttag scheint kälter als erwartet zu werden. Während alles um ihn herum noch trist und grau zu sein scheint, ist er und ein weiterer Genosse –wie sich die Parteikollegen in der SPD bezeichnen- bereits gut gelaunt auf dem Weg in das 35km von ihrer Heimat entfernte Tann unterwegs. Anders als man meinen könnte ist Kuby aber keiner der letzten Heimreisenden von einer Samstagabendparty, sondern hat eben noch seinen wohlverdienten Schlaf genossen.

Dieser Schlaf ist für Kuby trotz Semesterferien in letzter Zeit nicht selbstverständlich. Als Bezirkstagskandidat für die SPD hat er kurz vor dem Wahltag am 15. September alle Hände voll zu tun. Mit mehreren Ständen in verschiedenen Städten, Hausbesuchen oder einfach nur mit seiner Anwesenheit in verschiedenen Veranstaltungen ist der Terminkalender des Passauer Staatswissenschafts-Studenten brechend voll. Diese ist nicht die erste Kandidatur in seinem Leben, Kuby kandidierte an der Universität Passau auch schon für den studentischen Konvent und ist dort als Behindertenbeauftragter tätig. Jedoch ist die Kandidatur für den Bezirkstag mit mehr Zeitaufwand verbunden.

Auch heute steht dem Arnstorfer ein anstrengender Tag bevor. Die SPD hat einen Stand auf dem Kunstmarkt in Tann. Reihe an Reihe mit handgemachten Keramikgegenständen, Drechsler- und Schmuckständen ist heute auch die Konkurrenz anwesend: Die FDP baut ebenfalls gerade ihren Pavillon auf, circa eine Stunde später treffen auch die Mitglieder der CSU ein und stellen ihren Stand gleich gegenüber auf. Vis á vis mit einem der stärksten Gegner also. Das Ass im Ärmel der Roten ist heute aber die Prominenz: Neben Kuby steht ein sympathisch wirkender Florian Pronold sowie Kreisvorsitzende und Landtagskandidatin Marion C. Winter. „So was ist einfach ein Besuchermagnet“, erklärt Kuby. Die beiden unterhalten sich scherzend über Dinge, die man als Politiker eben so erlebt. So erzählt Valentin M. Kuby, dass er mittlerweile schon des Öfteren erkannt wird. Er setzt auf Präsenzpolitik, besucht also so viele Veranstaltungen wie möglich. Anwesend sein und gesichtet werden ist das A und O. „Sie kenn‘ ich doch aus der Zeitung, sie sind doch der von der SPD“, hört er in letzter Zeit immer häufiger. „Erkannt zu werden freut einen dann schon sehr“, sagt der junge Politiker mit einem Lächeln auf dem Gesicht.

Doch nicht immer laufen die Begegnungen mit den Bürgern so positiv ab: „Klar muss ich mir auch oft Kritik anhören. Manchmal wird man sogar wegen etwas angesprochen, das man selber gar nicht verbrochen hat, oder schon Jahre her ist, als ich selbst noch gar nicht bei der SPD war“. Dann heißt es, souverän reagieren und den Ärger einfach hinunterschlucken. Sich ja nichts zu Schulde kommen lassen und so wenig Angriffsfläche wie möglich bieten ist wichtig. Egal was man in der Öffentlichkeit macht, es gibt immer Kritiker, denen jeder noch so kleine Fehler auffällt. „Letztens habe ich mein Facebook-Profilbild geändert. Auf dem Bild bin ich ausgeschnitten und vor einem blauen Hintergrund. Prompt kamen ein paar Kommentare, ob ich denn schweben könnte, weil man keinen Boden sah“. So etwas ist zwar noch harmlos, aber es zeigt dennoch, dass man unter ständiger Beobachtung steht, wenn man in der Öffentlichkeit präsent ist. Auch finanziell gesehen ist solch eine Kandidatur nicht einfach. Zwar gibt es, sofern der Kandidat in den Bezirkstag gewählt wird, eine kleine Aufwandsentschädigung. Wenn man aber täglich auf Veranstaltungen sein muss, dann gehe das auf Dauer ins Geld, auch wenn man nur ein kleines Wasser bestellt, so Kuby. „Normalerweise komme ich mit meinem BAföG 1) immer locker um die Runden, doch diesen Monat wird es schon sehr knapp!“, schildert der Passauer Student.

Der Aufwand sei es ihm aber wert. Diese Kandidatur ist eine Erfahrung, die er nicht missen will. „Ich lerne unglaublich viele Menschen kennen und das Gefühl, auf gleicher Ebene mit großen Politikern zu sein, ist toll.“. So habe er immer wieder die Möglichkeit, sich mit Persönlichkeiten auszutauschen, vor kurzem zum Beispiel mit Margarete Bause, einer Landtagsabgeordneten und Spitzenkandidatin der Grünen. Jedoch kann man als Bezirkstagskandidat nicht nur im Kleinen was bewegen. So gäbe es immer wieder Chancen, bei großen Ereignissen im Hintergrund mitzuarbeiten. Ein Beispiel hierfür wäre der Auftritt des Bundestagsabgeordneten Florian Pronold bei Stefan Raabs TV-Format „Absolute Mehrheit“. Kuby ist nämlich nicht nur per Du mit Pronold, –was im Übrigen ganz normal ist bei der SPD- sondern ist wie heute gemeinsam mit ihm auf Wahlkampf oder arbeitet auch mit ihm zusammen. Durch seine Arbeit in der Arbeitsgemeinschaft für Bildung in der SPD, die maßgeblich das Parteiprogramm der Bayern SPD mitbestimmt hat, hat er indirekt auch an dem Thema mitgewirkt, das Pronold in der Sendung angesprochen hat.

Am Stand der SPD kehrt jetzt nach einem heftigen, kurzen Regenschauer wieder Leben ein. Es gibt Kaffee aus Tassen, auf denen Pronolds Gesicht abgedruckt ist, rote Kugelschreiber mit dem SPD-Logo und kleine, rote Windräder. Als ich meine Tasse absetze, mustere ich Pronold, einerseits auf der Tasse, andererseits in der Realität. Im Gegensatz zu anderen Politikern hat er seine Fältchen auf dem Bild nicht retuschiert – er hat nämlich auch gar keine. „Bei uns ist eben alles echt“, erklärt er mir mit einem Augenzwinkern. Ob man auch als Bezirkstagskandidat einen solchen Aufwand an Werbemitteln bekommt, frage ich Kuby. „Naja, die finanziellen Mittel sind halt begrenzt“, meint er. „Ich habe zwar keine Tassen oder Wahlplakate, aber nächste Woche bekomme ich auch Kugelschreiber, Feuerzeuge und Taschenmesser, ich bring‘ dir welche mit“, fügt er freudestrahlend hinzu.

Man müsse sich mit geringeren Mitteln eben anders vermarkten. Das Web 2.0 sei da eine günstige Lösung. Jedoch bedeutet das für Kuby auch, Abstriche zu machen: „Ich nutze meine Facebook-Seite im Wahlkampf. Das heißt aber auch, dass ich aufpassen muss, was ich schreibe. So habe ich seit eineinhalb Jahren nichts Privates mehr gepostet“.

Für Privates bleibe ohnehin nicht mehr viel Zeit. Weggehen ist für den 22-Jährigen im Moment nicht drin. Auch wenn es vielleicht gut wäre, sich bei dem jüngeren Publikum zu zeigen, der Bezirkstagskandidat ist fast jeden Abend ausgebucht oder am Ende des Tages zu erschöpft. Dieses Problem kennt auch der Bundestagsabgeordnete und bayerische Landesvorsitzende Pronold. Freizeit sei im Moment Luxus, Ausschlafen sowieso. „An dem letzten freien Samstag, den ich hatte, habe ich mir eigentlich sehr viele Aktivitäten vorgenommen. Letztendlich war es im Bett dann aber so gemütlich, dass ich dann doch noch etwas länger liegen geblieben bin.“

Der Alltag eines Politikers vor den Wahlen sei viel mehr als nur an den Ständen zu stehen und sich zu unterhalten. So besuchen die Kandidaten verschiedenste Unternehmen, lernen dessen Führungspersonen kennen, nehmen Fototermine wahr oder statten Bewohnern Hausbesuche ab, um sich mit ihnen über deren Anliegen an die Politik zu unterhalten. So viel Erfahrung bekomme man fast nirgends, so Kuby. Neben Persönlichkeiten wie Christian Ude oder Sigmar Gabriel lerne er auch Unternehmer kennen. Außerdem hat er durch seine Partei auch ein Praktikum im Deutschen Bundestag erhalten. Für sein Studium, für das er ein Pflichtpraktikum absolvieren muss, sei das natürlich auch hilfreich. Zwar hat er schon viele Praktika gemacht, die er als Pflichtpraktika angeben könnte, aber das im Bundestag sei etwas Besonderes. Hier bekomme er viele Einblicke und es besteht natürlich immer die Möglichkeit, wichtige Kontakte für die Zukunft zu knüpfen.

Bedingt durch das schlechte Wetter kommen heute weniger Bürger am Stand vorbei. Wenn man aber jeden Tag unterwegs ist, sei ein bisschen Langeweile zwischendurch okay. So könne man sich Zeit nehmen, mit seinen Parteikollegen ins Gespräch zu kommen oder einfach mal fünf Minuten im hinteren Teil des Zeltes die Füße hochzulegen. Heute dauert der Tag aber noch ein wenig, bis 18:00 Uhr steht der Stand. Genügend Zeit, um die Konkurrenz gegenüber zu beobachten oder selbst mal ein bisschen auf dem Markt zu bummeln. Zwischendurch gibt es auch immer ein bisschen was zu erledigen, so muss man beispielsweise den Aufsteller, eine aufgeblasene Säule mit Florian Pronolds Gesicht darauf, immer wieder mal nachpumpen. „Dem geht nämlich ab und zu die Luft aus“, scherzt Pronold selbst.

Ab und zu ereignet sich auch mal eine lustige Anekdote, so kommt ein Vater mit seinem Sohn vorbei und will das gelbe Windrädchen der FDP in ein rotes umtauschen. „Ich hab denen von der FDP auch gesagt, dass ich das ihre gar nicht will, aber sie haben’s mir trotzdem in die Hand gedrückt.“, erzählt er. Und als er mit dem roten Präsent in der Hand den Stand verlässt, sagt er zu seinem kleinen Jungen: „Da schau‘, das ist viel besser als das Gelbe, das musst du dir merken“. Auch im nächsten Wahlkampf will der Bezirkstagskandidat antreten. Im Moment geht es mehr darum, dass die Leute ihn kennenlernen. Beim nächsten Mal will er es vielleicht im Landtag versuchen und Pronold, der neben uns steht, fügt schmunzelnd hinzu: „Und beim übernächsten Mal will ich dich als Kanzler sehen!“. Große Pläne für den jungen Kandidaten also. Stressresistent ist er, das hat er bereits bewiesen. Jetzt muss er nur noch gewählt werden.

Foto: Bezirkstagskandidat Valentin M. Kuby (links) und Bundestagsabgeordneter Florian Pronold von der SPD auf dem Kunstmarkt in Tann.

1) Monatlich ausgezahltes Berufsausbildungsförderungsgeld (z.B. für Studenten)

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